Meine Ansicht von Sauberkeit ist dreckig!

Aufräumen finde ich nicht notwendig. Wie sagte meine Freundin Lila letztens am Telefon: Wer eine ordentliche Wohnung hat, hat ein unerfülltes Leben. Damit habe ich mir jetzt bestimmt jede menge Feinde gemacht. Denn vielleicht bist Du ja, weil Du Dich für Wohnblogs interessierst, auch jemand, der seine Wohnung total orgentlich halten kann? Das interessert mich.

Ich aber, ich liebe das Chaos: Ich liebe es in der Küche neue Rezepte auszuprobieren. Ich backe fast jeden Tag neue Kekse, Kuchen, oder Brownies. Auch werden alle Zutaten, die ich noch so finde zu interessanten Kreationen zusammen gewürfelt. Es lebt! Ich lebe! Die Kreativität sprießt nur so. Klar: Eins habe ich schon gelernt: Immer schön den Herd sauber halten, damit man schnell ma was in die Röhre schieben kann, oder die Herdplatten bekochen kann.

Aber der Boden ist nach spätestens einer Woche übersät von tausend verschiedenen Krümelsorten.

Dem würde mich am liebsten gegen eine ordentliche Hausfrauenfreundin eintauchen, wenn er nach einem anstrengendem Tag nach Hause kommt. Und dann platzen wir: Wir streiten uns über die Sauberkeit der Wohnung. Heute hat Dem gesagt, dass die einzige Chance wäre jemanden zu finden, der meinen Suaberkeitsgrad mit mir teilt, ein Messie oder ein extremer Punk wäre. Ja, das höre ich nicht das erste mal! Meine ehemalige Mitbewohnerin und ich hatten da auch zwei verschiedene Meinungen. Und ja, heutzutage habe ich gechnallt, dass meine Ansicht von Sauberkeit wirklich unkonventionell und – ja, man kann es auch präzise ausdrücken – DRECKIG ist. Meine Ansicht von Sauberkeit ist dreckig!

Am liebsten hätte ich eine noch größere Wohnung! Wo neben jeder Wirkungsstätte (Küche, Arbeitsplatz, Fernsehplatz) fette Leinwände liegen würden, wo ich meine kreativen Nebenprodukte verarbeiten könte: Kakaoglasur auf die Leinwand und dazu Nudeln dranwerfen. Und beim fernsehen nebenbei das raufkritzen, was ich gerade sehe, oder den Staub auf die Leinwand kleben, oder voll mit Kleister schmieren und über den Boden mit den verschiedenen Krümelarten ziehen. Oh man, wenn die Welt bloß ein kleines Stüchen mehr so wäre, wie ich sie mir wünsche. Das wäre schön.

Aber was mache ich stattdessen? Anstatt meine Träume zu leben habe ich heute dies gemacht:

Um mir  selbst zu beweisen, dass ich Herrin über Staubflusen und Kekskrümel sein kann, habe ich  – nach Anweisung von Dem – gründlichst geputzt. Oh mein Gott. Ja, ich finde das wirklich schreckilich. Es gibt nichts bescheuerteres für mich, als meine eigene Wohnung zu putzen, wenn ich da keinen Bock drauf habe. Zur Belohnung musste ich mir aber auch was handwerkliches gönnen! Ich habe ein neues winziges Holzregal mit Tonschublade angedübelt (geil, mal wieder die Bohrmaschine in die Hand genommen und die Wand bearbeitet, was für ein mächtiges Gefühl) und das Wohnzimmer umgestellt (Jaja, alle elektrischen Anschlüsse habe ich wieder einwandfrei eingesröpselt nach dem umrücken der halben Wohnzimmer Einrichtung). Geil! Nur den Boden in der Küche konnte ich nicht verlegen (Mama hat mir PVC zum Geburtstag geschenkt). Ich habe zwar alles andere rausgeräumt, aber den Kühlschrank habe ich nicht über die Schwelle in den Flur bekommen.

Wir haben einen neuen wunderbaren rieseigen Haier Kühlschrank mit super Enegieverbrauch und echt geilen Funktionen: Einem Null Grad Fach für Brotaufstrich und ein Gefrierteil mit no frost Funktion, wo sich gar kein Eis bildet! Und er hat sogar Rollen! Da kann man ihn – wenn man denn mal putzt – zum Putzen wegschieben…aber eben über größere Schwellen geht er nicht so einfach rüber.

Und ja, das Wohnzommer habe ich aber umgeräumt bekommen: unsere Mahagonimöbel haben jetzt ein bisschen schöner zusammen gefunden und ich habe endlich den neuen Bezug, den meine Freundin Anna mir mitgebracht hat, aufs Klippan gezogen. Schneeweiß ist er! Danke Anna.

Und jetzt auch nochmal danke Lena! Sie hat mir nämlich dieses exclusivste Möbelstück in der ganzen Wohnung geschenkt: Das geile schiefe mini-Schubladenregal mit Tonschublade! Geil!Passt auch super zu der Lampe, die ich mal aus Marokko importiert habe.

Aber, helf mir weiter! Was soll da rein? Bitte Anregung als Kommentar schreiben!

Jetzt haben wir eine richtige Essecke:

Diese Wachs-Kaktenen habe ich von meiner Freundin Suse zum Geburtstag bekommen:


PS: Ich habe zu meinem Geburtstag von meiner Freundin Greta ein voll geiles Geschenk für die Wohnung bekommen. Was es ist, zeige ich, wenn ich gute Fotos davon machen konnte. Ich verrate schonmal so viel: Nur vom fühlen dachte ich, dass dort Kidnerletzchen drinne wären, die meine zufünftigen Zwillingsbabys zum Füttern tragen könnten. Da ich noch nicht schwanger bin, hat Greta dann schnell gemeint: „So etwas ähnliches“


Wohnreportage!

Endlich gibts die lang angekündigte Wohnreportage von meiner Freundin Nina aus Berlin! Danke Nina!

Ein bisschen Afrika in Hamburg, ein bisschen Soul im Schietwetter. Viel Spaß beim lesen:

UNCLE BERCHIE. EINE WOHNREPORTAGE.
Hamburg Hohenfelde, das ist kurz hinter St. Georg. Hohenfelde kennt niemand.
Hamburger Klinker-Neubau im dritten Stock kennt jeder.
Flur, Küche, Bad, Wohn-, Schlaf- und Ankleidezimmer, männlich, Anfang 30.
Der erste Blick geht auf den Spiegel im Flur. Staubig-quadratisch mit goldener
Ornamentverzierung, Familien- und Freundefotos zwischen Glas und Rahmen geklemmt.
Seine Mom, sein Dad, die Family in Ghana, Party im Golden Cut, er und Philly im
Mandalay.
In diesem Spiegel fällt der Blick von sich selbst auf die anderen – der Blick aus dem jetzt
ins damals. Way back in the days, das waren die coolen Neunziger, zumindest durch die
amerikanische R&B-Brille gesehen.
Diese smoothe Brille gefällt mir, die Wohnung bekommt dadurch einen coolen Neo Soul-
Flair. Ungefähr so wie in den Musikvideos von DʻAngelo und Maxwell, nur nicht in New
York, ohne Loft-Charakter und ohne bricks.
Aber viel Familie, Freunde und roots, viel afroamerikanische Kultur eben.
Die Jalousien aus Holz an den Fenstern sehen sogar aus wie american shutters und
werfen die Wohnung in ein souliges Licht.
Old Jamaica Ginger Beer, Del Monte Orangensaft und ein paar Flaschen Corona Beer im
Kühlschrank. Grey Goose, Jack Daniels und Co. oben auf dem Kühlschrank drauf. Martin
Luther King an der Kühlschranktür.
Cini-Minies und Frosties brechen mit den Spirituosen. Aber als munchie food gehört
Kelloggʻs genauso zum Lifestyle wie Hennessy.
Insgesamt acht Töpfe und drei Pfannen befinden sich in der Küche, ziemlich viel für eine
Person, schätze ich. Bei den zehn Flaschen Schnaps auf dem Kühlschrank dachte ich das
nicht. Aber viel Familie und viel Freunde essen und trinken auch viel.
In einem dieser Töpfe wird Jollof gekocht.
Jollof kommt aus Westafrika und bedeutet Eintopf – viel Reis mit roter Soße. Die wichtigste
Zutat neben Reis und Tomatenmark: Brühwürfel von Maggi. Trotzdem ein Familienrezept,
schließlich muss die Dosierung und Reihenfolge von Brühwürfeln und anderen Zutaten
perfekt abgestimmt sein.
Gibtʻs kein Jollof gibt es fast food. Geschirr und Besteck sind griffbereit, der Edelstahl-
Toaster meistert sechs Toasts gleichzeitig, im Regal liegt eine Packung Barilla Capellini,
die brauchen nur drei Minuten.
Hier gibt es keine Mülltrennung, alles kommt in eine Blechtonne.
Was im Flur der Spiegel ist in der Küche die rechte Seite des Kühlschranks. Havana Clubund
Feel Good-Magneten halten zehn Postkarten und Fotos aus Barcelona, London,
Miami, mit Black Power Faust und von MTV.
Unter dem Schreibtisch gestapelt Lifestyle-Lektüre – Taschenʻs Berlin, Vice Magazine und
die Bread&Butter Brand Bible – wahrscheinlich ungelesen.
Um den Schreibtisch herum Afrika-Artefakte – Masken, Skulpturen, Trommeln – genauso
dekorativ, aber echt. Keine Möbel Höffner-Ware aus der „Gemütliches Afrika“-Kollektion.
Der Holzstuhl als Gegenpart zum kühlen Glastisch mit iMac manifestiert die Freude am
Holz in der Wohnung.
Auf der anthrazitfarbenen Couch mit Loungecharakter hätten DʻAngelo und Maxwell
genügend Platz, der Spiegel mit goldenem Rahmen diesmal im Querformat, Dom
Pérignon und eine dicke Wachskerze ergeben ein fast kitschiges Bild à la Boyz-II-Men-
Videoclip.
Die grauen Fleecedecken auf dem Sofa reißen mich aber aus dem R&B-Traum mit
Diskonebel heraus, sie stoßen mich von Boyz-II-Men zu Boyz n the Hood. Die guten
Möbel werden vor dem Ghetto beschützt und die Ledercouch in Plastik gehüllt.
Aber wir sind in Hamburg Hohenfelde, nicht in Harlem. Die R&B-Brille wird abgesetzt, statt
Neo Soul-Flair sehe ich Hamburger Schietwetter.
Da wirken die fünfzehn Kissen auf dem Lounge-Sofa spießig aufgereiht, die Teelichter
formen sich zum Ausdruck romantischen Hochniveaus des Privatfernsehens – dem
Teelichtherz.
Im Spiegel taucht ein Bob Marley-Photomosaik auf. In Plastikrahmen katalogisiert bei
NANU NANA ist dieses Werk aus der Kollektion der viel zu früh verstorbenen Künstler
nicht mehr wegzudenken.
Der Schreibtischstuhl entpuppt sich als ein mit Gaffer-tape an den Füßen beklebter
Gartenstuhl, der grüne Boss-Schuhkarton als Beamer-Podest passt nur noch zur
angebrochenen grünen Chipstüte.
In der Küche verwehen die kulinarischen Spuren aus Westafrika nicht nur wegen der
Maggiwürze.
Der sechsschlitzige Toaster beeindruckt nicht mehr, viel mehr fasziniert, dass die
Schiebetür jedes weißen Standard-Spülschrankes von IKEA klemmt.
Aus Martin Luther King am Kühlschrank wird Che Guevara, wieder NANU NANA, diesmal
aber die Kategorie der viel zu früh verstorbenen Freiheitskämpfer. Im Kühlschrank stehen
jetzt Warsteiner, Riesling und Malzbier.
Selbst Hausfrauentricks werden nun sichtbar. Dank der Vanillezuckerpäckchen auf den
verschiedenen Glasboden-Etagen riecht es süßlich im Kühlschrank, Einmalhandschuhe
verhindern festsitzenden Zwiebelgeruch an den Händen nach dem Schneiden. Fehlt nur
die Taucherbrille, damit es beim Schneiden nicht auch noch in den Augen brennt.
Egal ob mit Brille oder ohne, aus welchem Blickwinkel ich die Wohnung auch betrachte,
Neo Soul-Touch oder Hamburger Gediegenheit, das Herzstück hier sind die Erinnerungen
an Freunde und Familie. Erinnerungen an das, was man ist, woher man kommt und wohin
man will.
Wohin man will, heißt überall hin, rund um die Welt. Vielleicht aber auch zurück nach
Hause, nach Ghana.
Was man ist, ist jung, fröhlich, mit vielen Leuten, immer auf laut, immer unterwegs.
Woher man kommt ist Afrika, Ghana – Ashanti ja oder nein? Keine Ahnung. Ist auch nicht
wichtig, wir sind alle one people.
Tatsächlich, es gibt kein schwarz, weiß oder gelb. Hier gibt es nur Hamburg.
Keine Rituale um sich abzugrenzen, kein ausgebuffter Schnips-Handschlag, kein n-word,
kein afrodeutsch, keine political correctness.
Auf sechzig Quadratmetern in Hamburg Hohenfelde entsteht eine Mischung aus derbe
und brutal, aus Jollof und Kartoffelpuffern. So richtig Multikulti, nur ohne Weleda.
Das ist die einzige Abgrenzung, die ich aufdecken kann: das nervige zum Thema machen
von Ethnie und überflüssiges Herumreiten auf Herkunft.
Abgegrenzt wird so von Pädagogen mit „Irgendwo sind wir alle Ausländer“-Postern in der
Küche. Weg von Trommel- und Tanzkursen bei Jörg in weißen Leinenhosen, vorbei an
„Was soll ich denn jetzt zu dir sagen – schwarz, farbig oder dunkelhäutig?“ hin zu „Nenn
mich doch beim Namen.“
Das beklemmende Gefühl, die Angst vor der politischen Unkorrektheit sitzt tief in einigen
Teilen unserer Gesellschaft.
Aber in einer Generation von Kindern, deren Eltern in den Siebzigern eingewandert sind,
deren Jugend sich in der Neuen Deutschen Welle und zu Techno-Acid abgespielt hat,
haben trommelnde Jörgs, die überall Ausländer sind, keine Bedeutung.
Neben dem, was man ist, woher man kommt und wohin man will, ist Uncle Berchie das
was bleibt.
Der letzte Gedanke geht an Uncle Berchie, sein Name klingt so wie der Mann auf dem
Uncle Benʻs-Karton aussieht.
Er ist ein Onkel, also der Bruder einer Mutter oder eines Vaters von jemandem. Uncle
Berchie ist herzlich, er hat schließlich einen Kosenamen.
Alle Eindrücke aus Flur, Küche, Bad, Wohn-, Schlaf- und Ankleidezimmer, männlich,
Anfang 30 fließen in Uncle Berchie zusammen und lösen meine afrikanische Gediegenheit
und den Hamburger Soul auf.
Denn ob er mit DʻAngelo und Maxwell das Sofa teilen würde, glaube ich nicht. Das Bob
Marley-Photomosaik gefällt ihm sicherlich auch nicht, wahrscheinlich fände er es sogar
albern.
Wenn die Holzjalousien hochgezogen würden, die Masken doch in Wahrheit von Möbel
Höffner wären und die Spülschranktür nicht mehr klemmen würde, ist mein Schietwetter-
Soul vergessen.
Am Ende führen alle gelesenen Spuren zu Uncle Berchie, alles haftet an ihm, er ist wie die
Meta-Erinnerung der wichtigsten Elemente in dieser Wohnung: Familie, Freunde und
roots. Denn die sind das, was bleibt.
Uncle Berchie wird nicht vergessen.
Sein Name steht mit Handynummer in blau auf einem gelben Post-it und klebt an der
Wohnungstür.
Warum der Post-it da hängt, weiß ich nicht. Und wer Uncle Berchie ist, weiß ich auch
nicht.