Bad/Küche oder lieber Badküche!?

Habe gerade ein Video über jemanden gesehen, der sein zu Hause nicht im zehnten Stock hat. Gero. Eine Parkbank, die Ecken der Stadt und das raue Leben, 24 Stunden am Tag Anstrengung, niemals frei haben…

…stehen ganz im Gegensatz zu dem, was mir eigentlich unter den Nägeln brennt. Unbedingt möchte ich euch das Gefühl mitteilen, dass mich heute ereilt hat: Leselust!

Ich am sonnigen Feierabend aus dem Bus nach Hause ausgestiegen, die Straße entlang gelaufen und hatte Glück, dass ich nicht unter dem Auto gelandet bin, oder von einem der schnellen und zielsicheren Fahrrädern Bremens gestreift wurde (OK, die verirren sich eher selten in die Vahr). Das hätte bei meiner Unachtsamkeit nämlich durchaus möglich sein können. Mich hat gar nichts interessiert. Nicht der Asphalt, nicht die Wärme, nicht die anderen Menschen, nichts, außer MEIN NEUES BUCH!

Ich glaube auf arte (wieder einmal, siehe letzten Blog „Ein fairer Gedanke“) habe ich ein Feature zu diesem großen Stück Literatur gesehen. Jennifer Egan mit „Der grössere Teil der Welt“. WOW, ich sage nur: Pulitzer-Preis 2011. Ich glaube das war auch der Anreiz mir dieses Buch zu bestellen. Ich habe nämlich (zumindest nicht wissentlich) noch nie ein Pulitzer-Preis gekröntes Buch gelesen. Und es war noch sehr attraktiv für mich, weil es abgedruckte Power Point Folien enthält, die wohl auch später für die Story wichtig sind, bzw. einfach dazu gehören. Eine ppt über alltägliche Dinge, oder genauer ausgedrückt:  Pausen in starken Songs der Musikgeschichte. Daran kann ich mich noch anhand des arte Beitrags erinnern. Ich gucke da jetzt extra nicht rein, damit ich nichts von der Geschichte zu früh erfahre, was ich bis S. 47 besser nicht wissen sollte. Ich beschreibe dieses Buch bis zu diesem Lesezeitpunkt als klassische Popliteratur. Davon habe ich schon etliches gelesen. Meist war es zu vulgär, oder zu beliebig. Oder zu schematisch, was es dann leblos machte. Schreckliches Buch: Crazy, von diesem Wunderkindautor mit Behindertenbonus. Das musste ich in der Schule lesen und da ich da sowieso in der Pubertät war, selbst zeitweise gehänselt wurde und alles Grau schien, wollte ich mich danach umso mehr erhängen. Aber es ging auch besser: Soloalbum! Fand ich echt mega cool (und mich auch, weil ich zur Leserschaft dieses Buches gehörte). Und dann noch random Texte, auch von B. v. Stuckrat-Barre. Schreibt man den so? Aus den Augen aus dem Sinn. Naja und der Vladimir Kaminer. Der kommt ja immer mehr- aber so richtig ins Detail und meinen sensiblen Sinn für Ästhetik berührend, das schaffte keines der angesprochenen Bücher. Jedoch hat mein neues fettes Werk von Jennifer Egan es voll drauf. Ich war heute schon in einer coolen alten Wohnung in NY City, sogar mit Badewanne in der Küche. Gerade saß ich in einem gelben Sportwagen eines Musikproduzenten. Ich war auch dabei, als er sich Goldflocken in den Kaffee streute. Naja, es ist irgendwie cool. Ich will jetzt auch so eine neue Küche, bzw, brauche ich ja nicht. Küche und Bad liegen hier nebeneinander. Da wird n Loch in die Wand geschlagen und alles ein bisschen umgebaut. Zum Glück können Dem und ich problemlos voreinander auf Klo gehen. Und ziemlich offene Freunde haben wir auch. Also, nächste Woche kommen die Renovierungsfotos: VORHER: Bad/Küche und NACHHER: Badküche!

Die Protagonistin des ersten Kapitels mochte ihr Bad noch nicht einmal so gerne, duscht immer im Fitnesstudio. Sowieso ist sie eine abgedrehte Kleptomanin. Nein, ich verrate nicht zu viel, damit fängt das Buch direkt an. Ja, ich dachte echt nach dem ersten Satz: Was für ein scheiß Buch, warum lassen es die Autoren nicht endlich? Immer die gleiche Leier: „Es fing an wie üblich, (…)“ Wer will denn das lesen?, dachte ich. Aber schon unten auf der ersten Seite konnte ich nicht mehr aufhören zu lesen. Geil, wie diese Kleptomanie beschrieben wird, wie der Rush zum Herzen aufsteigt und das Kribbeln im Körper verteilt wird, und diese Ausreden, sich selbst gegenüber, warum man klaut. Da bekommt man direkt Lust was zu klauen. Gefährliches Buch, sollte auf den Index gesetzt werden! Nein, im Ernst: Danke Buch! Du hast etwas alltägliches besonders an Dir.

Eine Sekunde für Dich, drei Tage für mich:

Ich liege mittlerweile schon weit hinter der S. 47. Ich habe weitere Charaktere kennen gelernt:  Das Buch ist in Sprüngen aufgebaut, die eine Verflechtung aus Personen ergeben, die sich kennen, kannten, oder, die sich wieder kennen gelernt haben. Drogen, Party, Rockmusik und Enttäuschungen breiten sich als Netz über diese Personen aus. Mittlerweile habe ich die Badewanne in der Küche hinter mir gelassen. Mich interessiert da eher ein Haus in einem Nebenort von NYC. Aber das ist auch schon wieder einige Kapitel her, als ich dort war. Mittlerweile kann ich sogar mehr über die Sätzstrukturen sagen: Jennifer Egan hats drauf! Mehrere erzählende Charaktere und verschiedene Zeitspünge verlangen vielschichtige Stimmen. Und das wurde hier klar durchgezogen: Die plurale Erzählerstruktur kommt durch die unterschiedlich gestalteten Kapitelfärbungen autentisch zum Vorschein. Jedoch kann man nicht sagen, dass dieses Buch ein unzusammenhängendes Mosaik ist. Man muss sich nicht übermäßig anstrengen um den Zusammenhängen zu folgen. Das liegt wohl an der geradlinigen Gestaltung der Athmosphären, die in jedem Kapitel mit derselben Konzentration fortgeführt wird. Bei der Power Point Präsentation bin ich übrigens noch nicht angekommen…

Von daher lehne ich mich nicht in mein Bastsesselchen zurück und ruhe mich hier im 10. Stock aus und halte diesen Artikel für abgeschlossen. Nein, ich lese weiter, vorgebeugt zu meinem Internetblog um das Bild, das ich von „Der größere Teil der Welt“ habe, auf der Tastatur zu Ende zu zeichnen. Ich habe ja doch genug Zeit. Die Renovierungsarbeiten im Mauerwerk zwischen Bad und Küche sind ja jetzt verworfen.

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3 Kommentare on “Bad/Küche oder lieber Badküche!?”

  1. anne sagt:

    schööön deine texte zu lesen. und ich dachte schon ich sei die einzige, die lesend durch bremens straßen irrt =)

  2. Lila Astarte sagt:

    Gefällt mir. Gefällt mir vor allem, dass du dir einfach Gedanken machst. Das ist der erste und der wichtigste Schritt. Meiner Meinung nach. Man sollte sich selbst, seine eigenen Handlungen, sein eigenes Konsumverhalten, seine eigene Einstellung immer mal wieder hinterfragen und überdenken. Wozu bin ich bereit und was will ich erreichen?
    Ich finde, dass den kleinen Schritten viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Es fängt doch mit „Jute statt Plastik“ an, geht über „das kann ich doch auch mit dem Fahrrad oder zu Fuß erledigen“, bis hin zu „ich beziehe meinen Strom von einem kleinen Unternehmen, das einzig und allein Strom aus erneuerbare Energien anbietet und kein Tochterunternehmen eines großen Konzerns ist“.
    Man kann ja garnicht auf einmal die Welt retten, aber jeder Mensch ist in der Lage kleine Dinge zu verändern und damit einen kleinen Teil zum großen Ganzen beizutragen. Schade, dass es immernoch so wenig Menschen gibt, die sich, so wie du, Gedanken über dieses Thema machen und wenn sie sich doch Gedanken machen, resignieren sie, weil sie ihrer Meinung nach, ja sowieso nichts ändern können.
    Aber wie soll sich etwas verändern, wenn niemand anfängt oder mitmacht? Vieleicht hast du ja ein paar Menschen mit deinem tollen Artikel angesteckt. 🙂

  3. Lila Astarte sagt:

    Und eigentlich sollte der Kommentar einen Artikel weiter. Kannst du den verschieben?
    Aber das Buch klingt super. Wenn man während des Gehen liest, ist es immer ein gutes Buch 🙂


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